„Volleyball ist ein Fehlersport – wer weniger patzt, gewinnt“ – Interview mit Felix Bürklin
Im Juni 2025 gegründet. Heute fast 100 begeisterte Mitglieder, von denen die Männermannschaft mit einem Altersdurchschnitt von gerade einmal 16 Jahren die Liga aufmischt. Die Volleyball-Sparte des TV Eschersheim erlebt einen rasanten Höhenflug. Hinter diesem Erfolg steht Felix Bürklin (22) – angehender Lehrer, Musiker, Trainer und Abteilungsleiter Ballsport beim TV Eschersheim.
Ein Gespräch über junge, wilde Teenager am Netz, Profi-Strukturen im Amateursport und die Frage, wie er es schafft, Kinder und Jugendliche nachhaltig zu begeistern.
Felix, deine Herrenmannschaft hat in der vergangenen Saison mit einem Altersdurchschnitt von 16 Jahren den direkten Aufstieg geschafft. Wie bringt man Teenagern bei, gestandene Männermannschaften alt aussehen zu lassen?
(Felix schmunzelt.) Der Schlüssel ist schlichtweg Trainingskonstanz: Die Jungs sind einfach immer da und ziehen voll mit. Volleyball ist am Ende ein Fehlersport – es gewinnt, wer weniger patzt. Wenn man in den entscheidenden Situationen, also bei Aufschlag und Annahme, stabiler agiert als der Gegner, holt man die Punkte. Völlig egal, wie alt die Gegenspieler sind.
Junge Teenager bei Wind und Wetter verlässlich in die Halle zu locken, gilt für viele Vereine als Herkulesaufgabe. Wie schaffst du diese Quote?
Durch absolute Offenheit. Ich sage den Jungs direkt, was Sache ist – im Positiven wie im Negativen. Entscheidend ist, parallel ein extrem wertschätzendes Umfeld zu schaffen. Vor allem aber merken sie jede Woche, dass sie besser werden. Bei uns weiß jeder Einzelne, was seine Rolle ist. Im Training gibt es keinen Leerlauf, niemandem ist langweilig. Das macht Spaß – und bringt am Ende den Erfolg.
Im Juni 2025 gab es die Sparte beim TV Eschersheim noch nicht, heute zählt ihr fast 100 Mitglieder. Was hat diesen Boom ausgelöst?
Wir sind damals direkt mit 15 bis 20 Jungs gestartet – das war das Fundament. Dass wir im Trainerteam jung und dynamisch sind, zieht an. Seitdem wachsen wir fast von allein über reine Mundpropaganda: Die Jungs bringen ihre Kumpels aus der Schule mit. Seit wir in der HVV-Rangliste auftauchen, kommen sogar Talente von außerhalb auf uns zu.
Du hast als Trainer am Bundesstützpunkt Frankfurt und bei der Jugend-Nationalmannschaft gearbeitet. Wie viel Profi-Mindset verträgt ein Breitensportverein?
Was wir machen, ist das absolute Maximum aus ambitioniertem Amateursport. Am Stützpunkt habe ich oft erlebt, dass Top-Talente aufeinandertreffen und erst einmal jeder für sich selbst spielt. Im Verein setzen wir auf das Gegenteil: Bei uns spielen echte Freundeskreise, die auch am Wochenende zusammenhängen und sich blind vertrauen. Im Volleyball schlägt bedingungsloses Vertrauen fast immer die rein individuelle Technik.
Einige deiner Talente haben bereits den Sprung in den Landeskader geschafft. Wie förderst du Spitzenleistungen, ohne den Breitensport-Charakter zu verlieren?
Durch Verstehen statt stumpfes Übungsabspulen. Meine Faustregel: Ein Spieler hat eine Technik erst dann verinnerlicht, wenn er sie einem Mitspieler erklären und ihn korrigieren kann. Dadurch coachen sich die Jungs gegenseitig – ich vervielfache mich als Trainer quasi mal zwölf. Das gibt enormes Selbstvertrauen und minimiert Fehler.
Von der Ballschule für Sechsjährige bis zu Trainer- und Schiedsrichter-Ausbildungen baust du ein lückenloses System auf. Warum dieses Fundament statt schneller Einzelerfolge?
Weil ich es selbst vermisst habe. Mit 13 gab es für mich keine passenden Volleyball-Jungenteams; ich habe mangels Alternativen in einer Mädchen-Mannschaft mit Volleyball angefangen und später konnte ich nur mit den Älteren in der männlichen U20 mitspielen. Beim TV Eschersheim können Kinder ab sechs Jahren starten und jede Altersstufe durchlaufen. Wir haben inzwischen viele Geschwisterpaare in der Halle: Die Kleinen eifern den Älteren nach. Genau das trägt einen Verein langfristig.
Viele Vereine klagen über leere Kassen, der TVE steht nach einem Jahr solide da. Wie finanziert ihr das?
Durch Verlässlichkeit und betriebswirtschaftliche Disziplin. Wir erheben einen recht hohen Zusatzbeitrag, statt uns vom Hauptverein subventionieren zu lassen. Wenn woanders das Geld fehlt, fällt das Training aus. Das gibt es bei mir nicht. Halle, Trainer und Material müssen garantiert sein. Über die Eltern konnten wir zudem direkt Spenden und Sponsoren gewinnen.
Wie verhindert man bei so einem rasanten Wachstum, dass das Projekt zur One-Man-Show wird und Trainer ausbrennen?
Vier Mannschaften in der ersten Saison unter die Top 10 in Hessen zu bringen, ging nur, weil ältere Jugendspieler als Trainer mitziehen. Damit niemand verschleißt, gilt: Maximal drei Hallentage pro Trainer pro Woche. Nächstes Jahr machen fünf von ihnen ihre Lizenz, und U16-Spieler rücken als Assistenten nach. Wir verteilen die Last auf viele Schultern.
Du arbeitest manchmal acht Stunden am Tag für den Verein, dazu Lehramtsstudium, Lehrauftrag am Gymnasium und Trainer für verschiedene Sportarten: Woher nimmst du diese Energie?
In erster Linie aus der Halle. Da ich wegen einer Verletzung aktuell nicht selbst spielen kann, gebe ich das als Trainer weiter. Das eigentliche Kraftwerk ist aber meine Familie: Meine Schwestern unterstützen mich, eine kocht manchmal für die Teams bei Trainingswochenenden, die andere hat das Training in der Ballschule übernommen. Mein Vater hilft bei Schiedsrichter-Aktionen oder wenn sonst noch Not am Mann ist und meine Mutter stellt ihr Auto für Spieltage zur Verfügung. Dieser Rückhalt gibt mir enorm viel Kraft.
Darüber hinaus halten mir noch zwei weitere Menschen den Rücken frei. Ohne sie ginge hier gar nichts: Jacob Döll, mein Kollege der Tischtennis-Abteilung, ist mein wichtigster Sparringspartner. Und ohne das Vertrauen von TVE-Geschäftsführerin Katrin Dunsch liefe der Laden nicht so reibungslos.
Und dann sind da noch die Kinder und Jugendlichen. Ich verbringe gerne meine Zeit damit, Kindern etwas zurückzugeben, das man mit Geld nicht kaufen kann: echte Begeisterung, Teamgeist und Gemeinschaft.
Was reizt dich an der Arbeit mit Jugendlichen mehr als am Erwachsenensport?
Auf der Festplatte von Jugendlichen ist noch Platz frei. Man kann motorisch und menschlich an der Basis feilen. Ein Erwachsener korrigiert eine jahrelang falsch eingeschliffene Bewegung kaum noch. Und: Jugendliche sind herrlich ungefiltert ehrlich. Wenn ich nerve, sagen sie es mir direkt ins Gesicht. Diese Offenheit schätze ich sehr.
Du singst und spielst Klavier. Hilft dieses Gespür für Rhythmus und Harmonie auch am Volleyballnetz?
Für die menschliche Harmonie im Team definitiv. Die eigentliche Parallele ist aber Disziplin und Zeitmanagement: Erst müssen Schule oder Uni laufen, dann kommt der Sport. Musik und Sport verlangen denselben Fokus. Aktuell muss ich beim Singen zwar pausieren, weil meine Stimme vom Coachen überlastet ist – dafür spiele ich wieder mehr Klavier.
Wenn wir uns in drei Jahren wieder sprechen. Wo steht der Volleyball TV Eschersheim?
Sportlich wollen wir eine zweite und dritte Herrenmannschaft etablieren und einen weiblichen Bereich aufbauen. Mein strukturelles Ziel ist aber ein ganz anderes: Ich möchte mich selbst überflüssig machen. Wenn ich in drei Jahren „Tschüss“ sagen könnte und Spielbetrieb, Finanzen und Qualität auf demselben Niveau eigenständig weiterlaufen – dann habe ich meinen Job als Abteilungsleiter zu 100 Prozent erledigt.
Text: Anja Stothfang | Foto: Felix Deubener
Turnverein Eschersheim 1895 e.V.