„Qualität ist bei uns kein Zufall, sondern Programm“ – Interview mit Jakob Döll
Zwischen Hörsaal und Sporthalle: Ein Visionär im Ehrenamt.
Wenn über das Sterben des Ehrenamts geklagt wird, ist Jakob Döll das Gegenargument. Als Abteilungsleiter Tischtennis, Trainer und Spieler des TV Eschersheim verkörpert der Psychologiestudent einen neuen Typus des Funktionärs. Für Jakob ist diese Dreifachrolle kein Ballast, sondern ein strategischer Vorteil, um den Verein als lebendigen Organismus zu führen. Ein Gespräch über das, was bleibt, wenn man Sport nicht nur spielt, sondern lebt.
Jakob, du besetzt beim TV Eschersheim eine Dreifachrolle. Wie schaffst du diese Balance, ohne dich dabei zu verlieren?
Ganz ehrlich: Es ist faktisch meine Hauptbeschäftigung. Der Zeitaufwand ist enorm, aber ich sehe das nicht als Belastung, sondern als strategische Einheit. Als Trainer und Spieler bin ich unmittelbar an der Basis und spüre, wo es hakt. Dieses Wissen fließt direkt in meine Entscheidungen als Abteilungsleiter ein.
Du investierst pro Woche drei bis vier Stunden zusätzlich in den Verein – neben dem Studium und Sport. Was treibt dich an?
Mich treibt hauptsächlich an, dass ich für Kinder und Jugendliche eine Perspektive schaffen kann. Ich möchte einen sozialen Ort schaffen, an dem sie sich wohlfühlen und entwickeln können. Daneben habe ich zusammen mit meinen Trainerkollegen klare sportliche Ziele – der TV Eschersheim soll ein hochklassiger Verein bleiben, bei dem jeder weiß: Hier kann ich Tischtennis auf Top-Niveau lernen. Vielleicht bringen wir eines Tages ein Talent in die deutsche Spitze.
Du studierst Psychologie. Inwiefern hilft dir das, die Tischtennisabteilung zu leiten?
Massiv. Ein Verein ist ein komplexes Geflecht aus unterschiedlichen Charakteren und Motivationen. Die psychologische Perspektive hilft mir, diese Strukturen zu verstehen und die Menschen besser zu führen. Es geht nicht nur darum, Ergebnisse im Tischtennis zu erzielen, sondern auch darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Menschen engagieren wollen. Das ist der eigentliche Kern meiner Arbeit.
In der hessischen Tischtennis-Landschaft gibt es keinen anderen Verein mit vier B-Lizenz-Trainern und einem A-Lizenz-Anwärter. Das ist beachtlich. Wie hast du diese Trainer-Elite aufgebaut?
Es ist das Ergebnis einer konsequenten Philosophie. Das hat unsere Abteilung schon früh erkannt. Wenn wir Qualität wollen, müssen wir sie selbst ausbilden. Dabei ist mir eines sehr wichtig zu betonen: Wir sind eine Spielergeneration, die gemeinsam gewachsen ist. Wir sind die letzten, die durch die Schule unserer eigenen Trainer gegangen sind. Ihr Vertrauen und ihre Förderung haben uns motiviert, selbst Verantwortung zu übernehmen. Es ist diese Kette der Nachwuchsförderung, das Weitergeben von Wissen und echter Begeisterung, die unseren Verein heute so nachhaltig macht. Wir bauen nicht nur auf Lizenzen, sondern auf unserer gemeinsamen Geschichte auf. Für unsere Mitglieder bedeutet das: Qualität ist bei uns kein Zufall, sondern Programm.
Du wohnst sogar mit einem Trainer zusammen. Wie prägt diese ideelle Gemeinschaft eure Arbeit?
Das ist unser entscheidender Motor. Neben Horst Mahr, der sich ebenfalls enorm für den Verein einbringt, sind mein Mitstreiter und ich die treibenden Kräfte der jungen Generation. Dass wir zusammenwohnen, ist keine zufällige Entscheidung, sondern die gelebte Vision. Da wir täglich über den Verein sprechen, entfällt bürokratischer Ballast. Wir sind extrem schnell in der Umsetzung, da wir auf einer Wellenlänge denken. Das ist ein Mehrwert für den Verein. Wir haben keine langen Dienstwege, sondern einen permanenten, konstruktiven Austausch, der den TV Eschersheim spürbar voranbringt.
Sport und Teamgefühl als „sicherer Hafen“. Welche Beispiele zeigen dir, dass diese Mission real ist?
Gerade für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen ist der Verein oft die letzte Möglichkeit, einfach mal Kind zu sein. In der Schule werden sie primär über ihre Leistungen definiert, im Sport hingegen über das Miteinander. Als Trainer bin ich eine wichtige Vertrauensperson. Wenn in der Familie oder in der Schule etwas schiefläuft, finden die Kinder bei uns Trainern oder Mitspielern den Halt, um aus schwierigen Situationen herauszukommen. Das ist soziale Arbeit durch Sport.
„Dem Sport wieder eine höhere Wertigkeit in der Gesellschaft geben“ – das ist eine gesellschaftspolitische Aussage. Wie sieht das konkret bei euch im TV Eschersheim aus?
Unser oberstes Ziel ist es, junge Menschen in Bewegung zu bringen – völlig unabhängig von der Sportart. Wir verstehen den Verein als wertvollen sozialen Ankerpunkt außerhalb der Schule. Wir bilden Menschen aus, nicht nur Spieler. Wer bei uns sportlich wächst, soll später als Trainer Verantwortung übernehmen und das Teamgefühl an die nächste Generation weitergeben können.
Einer unserer 16-jährigen Spieler macht derzeit seine C-Lizenz. Damit wird er zum vollwertigen Trainer. Wir werfen ihn nicht ins kalte Wasser, sondern begleiten ihn behutsam. Er soll die Erfahrung machen, sich selbst als Trainer zu finden – genauso, wie wir es damals auch getan haben. Genau diese nachhaltige Form der Selbstverwirklichung ist das Herzstück unserer Arbeit und unsere Antwort auf die gesellschaftliche Rolle des Sports.
Euer Training ist hochgradig strukturiert und taktikorientiert. Mit vier hochlizenzierten Trainern habt ihr ein Alleinstellungsmerkmal in der Region. Wie strategisch nutzt ihr diesen Vorsprung?
Im Prinzip nutzen wir das derzeit erst einmal, um unsere Spieler mit strukturiertem Training leistungsmäßig so gut wie möglich zu machen. Dass wir so gut aufgestellt sind, hat natürlich einen gewissen „Pull-Faktor“ auf andere Spieler und Vereine, sodass Interesse besteht, zu uns zu kommen – das passiert eigentlich von ganz allein. Derzeit konzentrieren wir uns aber vor allem darauf, die Trainingseinheiten so hochwertig wie möglich zu gestalten. Wir sind zwar hochlizenziert, aber auch noch sehr jung. In uns steckt noch so viel Lernpotenzial. Wir reflektieren viel, werden damit jedes Jahr besser und unser Ziel ist es, als Trainer die bestmögliche Leistung zu erbringen.
Verändert es deine Rolle als Trainer, dass du selbst noch als Spieler aktiv bist?
Ja, absolut. Es gibt gute Synergieeffekte: Wenn man andere trainiert, merkt man schneller, was man selbst besser machen könnte. Umgekehrt gilt: Wenn man als Spieler selbst viel ausprobiert, bekommt man gute Ideen für das Training und ein besseres Gefühl dafür, was Spaß macht und einen wirklich weiterbringt. Vor allem entsteht eine andere Bindung zu den Spielern. Da ich selbst noch in deren Haut stecke, weiß ich genau, wie es ist, mal frustriert oder glücklich zu sein. Diese Emotionen am eigenen Leib zu erfahren, ist ein entscheidender Vorteil.
Ist der TV Eschersheim ein Vorbild für andere Vereine? Und falls ja, in welcher Hinsicht?
In gewisser Hinsicht schon. Natürlich können auch wir uns von anderen Vereinen noch etwas abschauen, aber was sich andere Vereine bei uns abschauen können, ist die Trainingshäufigkeit und die Qualität der Trainer. Das ist für einen Verein nicht leicht zu erreichen. Wir hatten das Glück, gleich mehrere richtig motivierte junge Trainer zu haben, die unzählige Stunden abseits der Halle investiert haben. Das kann man sich weder erkaufen noch erzwingen. Deshalb ist mein Ansatz: Wir müssen so viele Trainer wie möglich selbst ausbilden.
Was müsste sich ändern, damit Menschen wieder mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen?
Das ist eine gute Frage. Das Kernproblem ist: Gesellschaftliches Engagement ist zeitlich und finanziell oft nicht attraktiv, da es kaum einen finanziellen Mehrwert bietet und viel Zeit kostet. Dem gegenüber steht jedoch das Gefühl, etwas für die Gesellschaft und andere Menschen geschaffen zu haben. Wenn wir es schaffen, diese Werte zu vermitteln, dass es im Leben vielleicht doch nicht nur darauf ankommt, selbst erfolgreich zu sein, Geld zu haben oder ein möglichst einfaches Leben zu führen, dann bewegt sich etwas. Wir müssen das Soziale, den Zusammenhalt und die Gemeinschaft wieder mehr wertschätzen. Das ist der Punkt, an dem wir ansetzen müssen.
Blicken wir fünf bis zehn Jahre in die Zukunft. Was soll vom TV Eschersheim bleiben, wenn wir über das Zusammenspiel von Sport und Gesellschaft sprechen?
Mein Ziel ist ein sich selbst erhaltendes System. Wenn die jetzigen Trainer einmal weniger machen oder aufhören, soll die nächste Generation genauso weitermachen. Wir wollen ein kontinuierliches und verlässliches Angebot für Kinder, Jugendliche und Erwachsene hier in Frankfurt haben – egal, ob sie hier zur Schule gehen oder zugezogen sind. Die Menschen sollen wissen: Hier ist es gut, hier macht es Spaß, hier fühlen wir uns wohl. Wer Tischtennis spielen will, egal ob einmal die Woche mit seinen Freunden oder leistungsorientiert, mit dem Ziel Turniere und Mannschaftswettkämpfe zu gewinnen, soll sich sicher sein: In Eschersheim gibt es die beste Anlaufstelle in Frankfurt.
Text: Anja Stothfang | Bilder: Kim von Captura-Fotografie (Instagram: @_captura_fotografie)
Turnverein Eschersheim 1895 e.V.